Die Kanzelbilder der Peterskirche in Murr

Am 13. Mai 2007 wurden in einem festlichen Gottesdienst die neuen Kanzelbilder der Murrer Künstlerin Helga Möhle enthüllt. Pfarrer Bernhard Philipp stellte die Bilder in seiner Predigt vor. Diese Predigt dürfen wir hier auf unserer Internetseite mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentlichen. Das Copyright liegt beim Verfasser.

Predigt am 13. Mai 2007 über die fünf Kanzelbilder von Helga Möhle

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

für alles im Leben gibt es ein erstes Mal. Das ist eine Allerweltsweisheit. Doch wenn es dann wirklich dazu kommt, dann ist das mitunter etwas vollkommen anderes.

Ich zum Beispiel habe noch nie über christliche Kunst gepredigt. Gewiss, eine Bildbetrachtung gab es hier und da, zum Beispiel für eine Andacht. Aber eine ganze Predigt zu Gemälden, zumal wenn die Künstlerin selbst unter der Kanzel sitzt und natürlich besonders aufmerksam zuhört – das ist schon etwas Besonderes.

Apropos Kanzel:

Auch dies ist wohl nichts Alltägliches, dass in heutiger Zeit neu geschaffene Kunstwerke an einer Kanzel angebracht werden, an diesem zentralen Ort der Verkündigung durch das Wort. Die Kanzel ist, zumindest in der reformatorischen Tradition, für die Predigt da. Das Wort Gottes soll ja den Menschen gesagt und ausgelegt werden. Sie sollen hören, und auf dem Weg über das Hören zum Erkennen und zum Glauben geführt werden. An diesem Ziel hat sich tatsächlich auch nichts geändert in Murr.

Bildliche Darstellungen an Kanzeln sind jedoch eher selten, und wenn es sie gibt, dann handelt es sich meistens um historische Kunstgegenstände aus damaligen Zeiten. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass die bildhaften Darstellungen in Kirchen häufig eine Predigt mit anderen Mitteln waren. Lesen konnten in früheren Jahrhunderten ja nur die Gebildeten, das einfach Volk war darauf angewiesen zu hören und zu sehen. Darum gab es immer viel anzuschauen in den Kirchen, das Evangelium wurde auf diese Weise eben im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich, fassbar, verständlich.

Die Kanzelbilder, die wir jetzt in der Peterskirche begrüßen, sind auf ihre Weise selbst auch so etwas wie eine Predigt. Sie sind also nicht bloß Selbstzweck. Sie sind sichtbarer und spürbarer Ausdruck davon, dass ein Mensch sich intensiv auseinandergesetzt hat mit Inhalten der christlichen Botschaft. Sie regen unsere Augen an und unseren Verstand und ich gehe fest davon aus, dass sie auf diesem Wege auch unser Herz erreichen werden.

Im Moment sind die Bilder noch verhüllt, aber nicht ganz. Der Stoff lässt etwas von dem Schönen erahnen, dass sich dahinter verbirgt. Der Pfarrer von Murr ist wirklich manchmal unmöglich, er hat diesen Effekt am Freitag beim Aufbauen mit einem Negligé verglichen.

Zugegeben, es ist ein kleiner Effekt, mit dem wir die Spannung etwas erhöhen möchten, aber Ihre Geduld wird nicht mehr lange auf die Folter gespannt.

Wenn die Bilder dann enthüllt sind, möchte ich Ihnen zu jedem ein paar Beobachtungen und Gedanken mitteilen, die ich hatte. Ich möchte Ihnen jedoch vor allem Lust machen, mit diesen Bildern selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Die Kanzelbrüstung hat fünf Seiten, und deswegen sind es fünf Bilder, vier größere und ein sehr schmales ganz am Rand. Natürlich können Sie von Ihrem Platz aus immer nur einen Teil der Bilder sehen, aber auch das verstehen Sie bitte als Einladung, aktiv zu werden und immer wieder andere Plätze in unserer Kirche aufzusuchen, um ganz neue Ausblicke und Sichtweisen zu gewinnen. Das soll ja nicht nur in Hinsicht auf Kanzelbilder gelegentlich ganz hilfreich und sinnvoll sein.

Und nun werde ich die Abdeckung entfernen. Danach sollen Sie zunächst eine Weile einfach schauen können, ohne dass ich Sie mit Worten ablenke.

Enthüllung der Bilder

Stille

1. Am Anfang war das Wort

Am Anfang war das Wort. Mit diesem Satz beginnt nicht nur das Johannesevangelium, sondern diese Aussage steht auch an erster Stelle, noch vor den vier größeren Bildern, die unsere Kanzel umgeben.

Mit kalligraphischen Buchstaben hat Helga Möhle gestaltet, was eigentlich der tragende Grund aller unserer Gottesdienste und jeder einzelnen Predigt ist. Weil Gott uns anredet, weil wir ihm der Rede wert sind, deshalb reden wir Pfarrerinnen und Pfarrer, die Lektorinnen und Lektoren, alle die Andachten und Besinnungen halten, wir reden nicht einfach unsere eigenen Erkenntnisse und Weisheiten.

Gott spricht erst einmal zu uns. Sein Wort ist das Schöpferwort, ohne sein Wort gibt es kein Leben, mit seinem Wort ruft er alles ins Dasein, was lebt und was ist im Himmel und auf Erden.

Die Fortsetzung jenes Anfangs im Johannesevangelium wagt dann die kühne Aussage, dass dieses Wort lebendig ist, es gewinnt Gestalt in dem Menschen Jesu von Nazareth. Er ist Gottes Wort in Person. Deshalb ist er auch der Anfang, die Mitte und das Ziel unseres christlichen Glaubens.

2. Die Evangelisten

Von seinem Leben, Sterben und Auferstehen zeugen Menschen mit ihren Erinnerungen, die zunächst wortgetreu weitererzählt und dann später verlässlich schriftlich festgehalten wurden. Das Neue Testament stellt vier dieser so genannten Evangelien an den Anfang. Die Evangelisten haben dabei jeweils eigene Schwerpunkte gesetzt und darum durchaus unterschiedliche Akzentuierungen in ihren Berichten verwendet, um deutlich zu machen, was ihnen an der Botschaft von Jesus Christus besonders zentral erschienen ist. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes berichten die Geschichte des Christus nicht als Biografie, auch nicht als Tagebuch, sondern als persönliches Glaubenszeugnis.

Jedem der Evangelisten hat die Kunstgeschichte ein eigenes Symbol zugeordnet, das aus einer Vision des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung entnommen ist. Dort werden vier himmlische Gestalten beschrieben, die Gottes Thron umgeben.

Bei Matthäus ist das zugehörige Symbol der Mensch, manche sagen auch, es sei wohl eher ein Engel. Matthäus legt in seinem Evangelium besonders Wert darauf, immer wieder nach- zuweisen, dass Jesus Christus derjenige ist, von dem schon in den Schriften des Alten Testaments die Rede war. Deswegen finden wir bei seinen Berichten immer wieder den Hinweis: „damit erfüllt werde, wie geschrieben steht ...“ und dann folgt ein alttestamentliches Zitat. Ob Matthäus der Jünger gewesen ist, den Jesus vom Zoll weg in seine Nachfolge berief, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Zu Adolf Schlatters Zeiten galt das Matthäusevangelium als das älteste. Heutige Bibelwissenschaftler vermuten dagegen eher, dass dem Markusevangelium diese Ehre zukommt.

Dem Markus ist als Symbol der Löwe zugeordnet. Er hat in einigen Abschnitten seines Evangeliums erkennbar den anderen Evangelisten als Vorlage gedient. In der neutestamentlichen Forschung gibt es die Annahme, dass es sich bei ihm um Johannes Markus handelt, den zeitweiligen Begleiter und Dolmetscher des Apostels Paulus. Bei Markus taucht im Evangelium an mehreren Stellen die interessante Erinnerung auf, dass Jesus zunächst versucht hat, seine wahre Identität zu verbergen. Die Jünger oder andere Menschen, die etwas mit Jesus erlebten, sollten darüber schweigen und niemandem etwas sagen. Erst mit dem Bekenntnis des Petrus ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums wird offen ausgesprochen, wer Jesus in Wahrheit ist: Du bist der Christus.

Der dritte im Bunde ist der Evangelist Lukas. Mit ihm ist das Symbol des Stieres verbunden. Ob es sich bei Lukas um den bei Paulus erwähnten Arzt handelt, lässt sich nur vermuten, manches aber spricht dafür. So ist ein besonderes Anliegen dieses Evangeliums, die Hilfsbedürftigen und Schwachen, die Randsiedler der Gesellschaft und die Verlorenen in den Blick zu nehmen. Lukas hat neben seinem Evangelien noch einen zweiten Band seiner Erinnerungen geschrieben, nämlich die Apostelgeschichte. Sie ist also so eine Art Fortsetzungsgeschichte.

Und schließlich Johannes, den man mit Recht als den ersten richtigen Theologen im neuen Testament bezeichnen könnte und dessen Evangelium sich deutlich unterscheidet von den drei anderen. Er berichtet nicht nur, sondern er legt zugleich aus. Er benennt von einem späteren Zeitpunkt aus im Rückblick die tiefere Bedeutung der Worte und Taten des Gottessohnes. Johannes hat als Symbol den Adler. Er wird gerne mit dem Seher und Gemeindeältesten Johannes in Verbindung gebracht, von dem die Offenbarung stammt, vielleicht auch die Johannesbriefe.

Alle vier Evangelisten miteinander künden von dem Wort, das am Anfang war, und darum gehören sie nicht nur zusammen auf eine Darstellung sondern auch in der Reihenfolge direkt neben das erste Bild.

3. Die Schöpfung

An der Stirnseite unter dem Lesepult der Kanzel ist mit dem dritten Bild das Thema „Schöpfung“ dargestellt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, da ginge es einfach um eine anrührende, idyllische Naturdarstellung mit den fünf Ebenen Himmel mit Wolken, Felder mit Korn, Wiesen mit Blumen, dem fruchtbaren Ackerboden und dem klaren fließenden Wasser. Wunderschön, mag man vielleicht denken. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass sich da noch mehr verbirgt: eine Gewitterwolke, die die Sonne verdeckt und aus der ein heftiger Regen hernieder prasselt, dahinter dann einige ziemlich finstere Stellen am Himmel, und vor allem: vorne mittendrin ist das Christussymbol platziert. Es steht für Ch (X) und R (P) die griechischen Anfangsbuchstaben des Ehrentitels „Christus“. Christus als das Schöpferwort Gottes ist auch gegenwärtig in der gesamten Schöpfung, in allem, was Gott sehr gut nannte, als er es gemacht hat. Auch dieses Bild greift also wieder zurück auf den Anfang. Man mag daraus die Freude an der wunderbaren Schöpfung als Werk Gottes ableiten, oder auch die Verantwortung, die Christus uns als Verwalterinnen und Verwalter dieser Schöpfung auferlegt, oder auch die Würde und den Wert alles Geschaffenen, die wir zu achten haben. Unser Glaube an Jesus Christus und unsere irdische Wirklichkeit, das hat sehr viel mit einander zu tun.

4 Die Dreieinigkeit

Das vierte Bild hat zum Thema den vermutlich kompliziertesten Gedanken der biblischen Theologie, nämlich die Vorstellung von der Dreieinigkeit Gottes, oder mit dem Fremdwort: die Trinität. Keine Sorge, ich werde jetzt nicht versuchen, Ihnen das im Einzelnen zu erläutern, zumal mein Chef heute auch hier ist. Doch soviel ist klar: von Gott spricht die Bibel in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf ganz unterschiedliche Weise, nämlich als dem Vater, oder dem Sohn oder dem Heiligen Geist, manchmal auch von zweien dieser drei oder allen gemeinsam. Das Dreieck steht für diese kaum sagbare und kaum denkbare Beziehung, die Gott mit sich selbst pflegt und für die unterscheidbare, aber doch einheitliche Art und Weise, in der Menschen Gottes Wirken erfahren und erleben.

Ausgeführt sind diese unterschiedlichen Gedanken in unserem dreiteiligen Glaubensbekenntnis. Die Darstellung auf dem Bild nimmt mit zahlreichen Symbolen darauf Bezug. Es geht um die Ehre und die Herrlichkeit, den himmlischen Glanz und die Unendlichkeit des Ewigen, es geht um die umfassende Gegenwart und Treue Gottes, um das Heil im Kreuz Jesu Christi und um die beglückende Kraft des Heiligen Geistes, der Menschen erfüllt und beglückt und frei macht. Über allem ist nur angedeutet der Bogen, der dafür steht, dass wir einen Gott haben, der die Verbindung zu seinen Menschen sucht, der ihnen die Treue hält und keinen seiner Menschen aus den Augen verliert.

Als der erste Astronaut im All, der Russe Gagarin spöttisch gefragt wurde, ob er denn nun Gott gesehen habe, da hat er verneint. Aber vielleicht ging es ihm doch so wie vielen anderen, die in den Sternenhimmel oder in die Weite des Weltraum schauen und eine Ahnung vom Ewigen bekommen. Natürlich lässt sich das All nicht wirklich auf einer Fläche von 30x70 cm festhalten, aber Sie verstehen sicher gut, was Helga Möhle hier andeuten möchte.

5. Pfingsten

Als fünftes Bild schließlich hat Helga Möhle sich des Themas von Pfingsten angenommen und damit noch einmal einen Gesichtspunkt der Trinität aufgegriffen. Gottes Geist befähigt und bevoll-mächtigt Menschen. Diese Erfahrung machten als erstes die Jünger, allen voran Petrus. Aus verängstigten und resignierten Freunden eines Gekreuzigten wurden schlagartig fröhliche und mutige Prediger, die mit ihren Worten die Herzen aller Anwesenden erreichen konnten, woher diese auch kamen und welche Sprache sie auch immer sprachen. Die Künstlerin hat auf dem Bild allerdings den Kreis der Menschen, auf die Gottes Geist trifft, wesentlich erweitert. Damit sind auch wir wieder im Blick, die Gemeinde Jesu Christi und jede einzelne Christin, jeder einzelne Christ, ja alle Menschen jeglicher Couleur. Die Taube als Symbol für Gottes Geist und seine Gegenwart taucht ausdrücklich zuerst bei der Taufe Jesu im Jordan auf, vielleicht aber steckt dieses Motiv bereits hinter jener Taube, die in die Arche Noah zurückkehrt.

Wo Gottes Geist wirksam wird, da strahlt spürbar etwas aus von der Hoffnung, die in uns ist, und diese Hoffnung lässt uns singen und beten, hören und predigen, schweigen und zu einander halten. Als Wirkung dieses Geistes stehen wir auf und gehen hin zu den Menschen, sei es hier bei uns, sei es in der Ferne, um mit ihnen zu teilen, was unser eigenes Leben erfüllt. Wir gehen hin zu denen, die dringend darauf warten, um ihnen mit unseren Möglichkeiten zu geben, was sie nötig haben. Wir lachen mit den Lachenden und trauern mit den Trauernden, und gemeinsam erfahren wir den Halt und den Trost unseres Glaubens.

Was für ein Vorrecht, dass wir die erfreuliche Botschaft des Evangeliums hier in Murr auf so vielfache Weise hören und leben und feiern können! Was für ein Geschenk, dass wir in unserer Peterskirche an der Kanzel nun neben dem gesprochenen Wort auch diese vielsagende Bilder haben.

Der himmlische Vater segne, was wir dadurch hören und sehen können, an allen Menschen, die in diesem Gotteshaus ein- und ausgehen.

Amen.

 

Bernhard Philipp, Pfarrer in Murr von 1991 bis 2009